Schülergruppe in der Krefelder Synagoge | ©Werner Stapelfeldt

Jüdisches Leben

Gesellschaft

Synagoge Krefeld ©Stadtarchiv Krefeld

Jede Gesellschaft wird durch die Menschen geprägt, die in ihr leben. So waren auch die in Krefeld, Viersen und Mönchengladbach lebenden Jüdinnen und Juden stets ein fester Bestandteil der städtischen Gesellschaft. Sie engagierten sich im sozialen Bereich, spendeten für wohltätige Zwecke, traten angesehenen Vereinen bei oder gründeten neue Vereine. So war es beispielsweise für jede Synagogengemeinde üblich, einen israelitischen Frauenverein, auch Frauen-Chewra genannt, der Hilfe- und Unterstützung für Familien oder Einzelpersonen anbot und einen Chewra Kaddischa (Heilige Beerdigungsbrüderschaft), der sich um die Verstorbenen, die Bestattung und um die Angehörigen kümmerte, zu haben. Vielleicht eher: Neben dem prägenden Einfluss der jüdischen Bevölkerung auf ihre gesellschaftliche Umgebung spielte sich das innerjüdische Gemeindeleben oftmals etwas abseits der städtischen Gesellschaft ab. Dies war primär nicht von außen, sondern von innen initiiert und hatte die verschiedensten kulturellen und religiösen Gründe.

Innerhalb des städtischen Lebens waren die jüdischen Gemeinden in die christliche Gesellschaft voll integriert. Dies zeigt sich unter anderem dadurch, dass zu den (Neu-)Einweihungen der Synagogen, neben den Vertretern der anderen Kirchen, stets auch städtische Vertreter eingeladen waren und ihre Reden hielte. 

Viersen

Prägend für die Viersener Gesellschaft ab dem Ende des 19. Jahrhunderts waren die Eheleute Israel und Berta Nussbaum. Das Paar vertrat damals ganz bewusst und nachdrücklich die jüdische Gemeinde im öffentlichen Leben der Stadt. So waren die Eheleute, nicht nur bei jüdischen, sondern auch bei städtischen Veranstaltungen stets als Ehrengäste geladen.

Israel und Berta Nussbaum mit einer Schulklasse auf einem Ausflug, 1920er Jahre ©Kreisarchiv Viersen

Israel Nussbaum kam 1897 mit seiner Frau nach Viersen. Er war der einzige Lehrer der zunächst privaten, später öffentlichen jüdischen Schule. Gleichzeitig war er der Kantor der jüdischen Gemeinde. So hatte er allein auf die jüdische Bevölkerung der Stadt schon einen gewissen Einfluss. Ab 1909 befand sich Israel Nussbaum aus gesundheitlichen Gründen öfters in Kur. Für drei Monate übernahm seine Frau Berta seine Lehrerstelle und vertrat ihren Mann.

Mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges im Jahr 1914 wurde in Viersen der „Vaterländische Liebesdienst“ gegründet. Dieser Verein hatte es sich zur Aufgabe gemacht, sämtliche Aktivitäten aller örtlichen Vereine zusammenzufassen, die sich auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege -insbesondere für Familien, deren Männer im Kriegseinsatz waren- betätigten. In diesem Verein engagierten sich in erster Linie Frauen. Auch Berta Nussbaum wurde ein aktives Mitglied.

Kolpinghaus an der Ecke
Geschwister-Scholl-Straße/Lambersartstraße
©Kreisarchiv Viersen

Etwa zur gleichen Zeit ging Isreal Nussbaum auf den Viersener Oberbürgermeister Stern zu und schlug ihm die Eröffnung einer Kriegsküche vor, wie es sie bereits in anderen Städten gab. Der Oberbürgermeister stimmte zu und beauftragte Berta Nussbaum mit der Durchführung. Sie gilt heute als die Begründerin der Viersener Kriegsküche, die sich im Erdgeschoss der evangelischen Schule befand. Für ihr Engagement bekam Berta Nussbaum, als eine der ersten vier Frauen überhaupt, das Verdienstkreuz verliehen. Die errichtete Kriegsküche setzte ihre Arbeit auch nach 1918 fort.

Frauen des Vorstandes des Vaterländischen Liebesdienst. 2. v.l. Berta Nussbaum, 3. v.l. Fanny Zahn, desweiteren die Frauen Derich, Keiser, Heine, Joesten und Schmitz. Zwischen 1914 und 1918 ©Kreisarchiv Viersen

1915 wurde durch Frau Kommerzienrat Julie Kaiser der Viersener Hausfrauenverein gegründet. Hier wurde Berta Nussbaum nicht nur Mitglied, sondern trat auch, als Vertreterin der jüdischen Frauen, in den Vorstand und wurde später sogar zur Ehrenvorsitzenden ernannt. Für den Verein reiste Berta Nussbaum durch ganz Deutschland.

Der Verein hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Berufstüchtigkeit der Frauen zu fördern. Hierzu wurden Vorträge, Ausstellungen, Kurse und Feste veranstaltet. In Viersen organisierte der Verein mehrere große Veranstaltungen. Eine davon war „der gedeckte Tisch“. Für diese Veranstaltung stellte Berta Nussbaum einen „Sedertisch“ aus, wie er am Vorabend des jüdischen Pessach-Festes hergerichtet wird. 

1933 musste Berta Nussbaum aufgrund der Repressalien des NS-Regimes aus dem Viersener Hausfrauenverein ausscheiden, die Gründerin Julie Kaiser brachte ihren Unmut darüber zur Geltung. 

Der hohe gesellschaftliche Status der Eheleute Nussbaum half ihnen jedoch nicht gegen die Verfolgungen durch die Nationalsozialisten. 1938 wurde das Wohnhaus der Familie komplett zerstört. Israel und Berta Nussbaum wurden 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Israel Nussbaum verstarb dort noch im gleichen Jahr, Berta Nussbaum am 17. April 1943. Drei der vier Kinder der Eheleute Nussbaum hatten es in den 1930er Jahren geschafft auszuwandern. Die -vermutlich körperlich- eingeschränkte Tochter Annie war mit ihren Eltern nach Theresienstadt deportiert worden und verstarb im Jahr 1944 in Auschwitz. Israel Nussbaum erwähnt in Aufzeichnungen, dass seine Tochter aufgrund der Mangelernährung während des ersten Weltkrieges etwas langsamer sei, als andere Menschen.

Mönchengladbach

Die Jüdinnen und Juden aus Mönchengladbach waren nicht nur wirtschaftlich von Bedeutung, sondern prägten auch nachdrücklich das gesellschaftliche Leben in der Stadt. Schon früh war die jüdische Gemeinde durch Jonas Benjamin Jonas und Dr. Fritz David im Stadtparlament vertreten. 

In Mönchengladbach wurde als Maßstab für die gesellschaftliche Eingliederung die Mitgliedschaft in der bürgerlichen Gesellschaft namens „Erholung“ angesehen. Die Gesellschaftsvereinigung war 1803 gegründet worden. Zu dieser Zeit war noch kein Jude dort Mitglied. 1903 waren bereits vier von 484 Mitgliedern jüdisch, darunter auch der Rechtsanwalt Dr. Fritz David und Jonas Benjamin Jonas. 

Seit 1845 bestand in Mönchengladbach die rein christliche und Männern vorbehaltene Freimaurer-Loge „Vorwärts“. Zu ihren Anfängen durften nichtchristliche Männer, denen eine Aufnahme stets verwehrt wurde, auch nicht als Besucher an Versammlungen teilnehmen. Diese Möglichkeit wurde erst 1868 eingeführt. Diese „Ehre“ kam vier jüdischen Männern in Mönchengladbach zu Teil. 

1922 wurde dann eine ausschließlich der jüdischen Oberschicht vorbehaltene Loge gegründet. Die Walther-Rathenau-Loge. Im gleichen Jahr entstand der „Verein jüdischer Bürger zu München-Gladbach e.V.“, der erst 1925 ins Vereinsregister aufgenommen wurde. Der Verein wollte das gesellschaftliche und geistige Leben innerhalb der jüdischen Gemeinschaft fördern. Vereinsüberschüsse sollten für wohltätige Zwecke genutzt werden. Dies überschnitt sich mit der Zielsetzung der Walther-Rathenau-Loge. Eine Mitgliedschaft in beiden Vereinigungen war möglich.

Insbesondere für wohltätige Zwecke wurden in Mönchengladbach zahlreiche jüdische Vereine gegründet. Der größte war der „Israelitische Wohltätigkeitsverein e.V.“. Trotz einer Vielzahl an rein jüdischen Vereinen betätigten sich die Jüdinnen und Juden Gladbachs außerordentlich rege auch in überkonfessionellen Organisationen der Stadt. So war beispielsweise Lilli Kretzmer im Vorstand der „Frauen-Arbeitsgemeinschaft“, des Vereins „Volkswohl“ und des „Vereins für das Deutschtum in Rußland“. Ihr Mann Dr. med. Eugen Kretzmer spielte Violine im ärztlichen Musikorchester der Stadt und war Vorsitzender des wissenschaftlichen Vereins. 

Spätestens seitdem sich Mönchengladbach seit 1850 zu einer Textilstadt entwickelt hatte, war es stets eine Stadt der Arbeit, nicht eine Stadt der Kultur gewesen. Ein kulturelles Leben gab es kaum bis gar nicht. Was die Bürgerinnen und Bürger jedoch oft zum Ausdruck brachten war eine Vorliebe für die Musik. Hier machte sich schnell ein jüdischer Einfluss und Förderung innerhalb der Stadt bemerkbar. 

Hier sei als erstes der jüdische Fabrikant Louis Raphael zu nennen. Bereits 1899 startete er den ersten Versuch einer Orchestergründung. Zunächst blieb es auch nur bei einem Versuch. Raphael war Mitglied des kaufmännischen Vereins. Dieser gab im Dezember 1900 ein Fest, bei dem Raphael die Organisation der Musik übernahm. Das Fest wurde ein voller Erfolg und der Grundstein für eine ständige Ortskapelle war gelegt, der Verein „M.Gladbacher Orchesterverein“ wurde gegründet. Louis Raphael beschaffte Noten auf eigene Kosten. Das erste öffentliche Konzert wurde im Januar 1901 gegeben. Ein Jahr später war das Interesse des Oberbürgermeisters Piecq geweckt, den Verein in städtischer Regie zu übernehmen. Dies war die Geburtsstunde des „städtischen Orchesters“, welches zu einer allseits hochgeachteten Einrichtung wurde. 

Der jüdische Einfluss auf das kulturelle Leben der Stadt beschränkte sich jedoch nicht nur auf den musikalischen Bereich. 1923 wurde die „Theater-Vereinigung M.Gladbach“ gegründet. Ein Jahr später folgte die Errichtung des Stadttheaters. Finanziell gefördert wurde das ganze u.a. durch die jüdische Bevölkerung der Stadt. So waren unter fünf Vorstandsmitgliedern zwei Juden, Otto Aschaffenburg und Gustav Jonas. 

Insbesondere die Brüder Hermann und Otto Aschaffenburg machten sich im kulturellen Leben der Stadt verdient. Sie beherbergten und verpflegten, insbesondere für den musikalischen Bereich, die anreisenden Darsteller, Dirigenten, Komponisten und Musiker. 

Auch der „Kunstverein der Dr. Walter Kasebach-Stiftung“ kam unter dem Einfluss namhafter jüdischer Gladbacher Bürger zustande. Unter den 15 Stiftern befanden sich auch Otto und Ernst Aschaffenburg und Fritz Cohen. Ernst Aschaffenburg wurde sogar zum stellvertretenden Vorsitzenden ernannt. Die einzige Skulptur der Kasebach-Sammlung, der „Kopf der Sinnenden“ des Duisburger Künstlers Wilhelm Lehmbruck war zudem eine Schenkung der Gladbacher Jüdin Anna Cohen. 

Das kulturelle (Vereins-)Leben der jüdischen Bevölkerung Mönchengladbachs erlebte durch die nationalsozialistische Herrschaft ein jähes Ende. Jüdinnen und Juden durften keine Ämter mehr in nichtjüdischen Vereinen bekleiden oder Mitglieder sein. Lediglich die rein jüdischen Vereine bestanden noch bis zu den Novemberpogromen. Damit endet auch zunächst der jüdische Einfluss auf die städtische Gesellschaft. 

Die jüdische Gemeinde bietet eine Vielzahl von jüdischen Veranstaltungen an. Es gibt u.a. einen Seniorentreff und ein Jugendzentrum. Auch einen Chor unter dem Namen „Lustige Choristen“ hat die Gemeinde zu bieten. Darüber hinaus nimmt die Gemeinde an den jüdischen Kulturtagen des Landes NRW teil. Hier werden unterschiedliche Veranstaltungen aus den Bereichen Musik, Literatur, Film, Begegnung, Theater, Tanz und Bildende Kunst geboten. Koordiniert wird dieses Projekt durch das Kulturbüro der Stadt.

Krefeld

Die Krefelder Jüdinnen und Juden trugen nicht nur zur wirtschaftlichen Bedeutung der Stadt bei, sondern waren auch ein wichtiger Punkt innerhalb der Gesellschaft. Die jüdische Gemeinde war im 19. Jahrhundert, insbesondere zu Zeiten des Konsistoriums, gegenüber der städtischen Gesellschaft durch ihre (Ober-)Rabbiner präsentiert worden. Dies änderte sich um die Jahrhundertwende. 

Seit 1904 gab es in Krefeld die jüdische Niederrhein-Loge, die ein Spiegelbild der wohlhabenden jüdischen Bevölkerung der Stadt war. Es handelte sich um keine Geheimloge und die Niederrhein-Loge hatte sowohl eine Herren-, als auch eine Frauenloge. Die Mitgliedschaft, die als eine hohe Ehre angesehen wurde, setzte ein gehobenes gesellschaftliches Ansehen, absolute Integrität und ein gutes Vermögen voraus. Ziel der Loge war, neben der Wohltätigkeit, die „Pflege der Geselligkeit“. Hierzu wurden unter anderem offene Logenfeste im Krefelder Hof oder in der Stadthalle abgehalten. Es wurden musikalische Veranstaltungen und Vorträge organisiert. Ein gemietetes Vereinslokal besaß die Loge in der 1. Etage auf der Königsstraße 93. Im April 1937 wurde die Niederrhein-Loge offiziell aufgelöst.

Krefeld hatte bis dahin zwar seine eigene Loge, wie sie es in vielen anderen Städten auch gab, doch die meisten Mitglieder der jüdischen Gemeinde waren Mitglieder im „Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“. Der Verein war im März 1893 gegründet worden und setzte sich insbesondere für die Bürgerrechte und die gesellschaftliche Gleichstellung der Jüdinnen und Juden ein. Der jüdische Krefelder Rechtsanwalt Dr. Kurt Alexander gehörte dem Hauptvorstand des Vereins an.

Portrait Dr. Kurt Alexander
Dr. Kurt Alexander ©Stadtarchiv Krefeld

Dr. Kurt Alexander war das bekannteste Mitglied der jüdischen Gemeinde Krefelds. Er gehörte zu seiner Zeit zu den bedeutendsten jüdischen Männern Deutschlands. Innerhalb der Stadt war er auch seit 1924 als Stadtverordneter der nationalliberalen „Deutschen Volkspartei“. Ebenfalls war er der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde. Reichsweit setzte er sich als Rechtsanwalt für jüdische Belange ein. Durch seine besonders guten Beziehungen innerhalb der Stadt Krefeld, insbesondere zur Seidenindustrie, konnte Dr. Alexander wesentlich länger als Rechtsanwalt praktizieren, als viele seiner Glaubensgenossen. Ab April 1933 war er einer von zwei jüdischen Rechtsanwälten in Krefeld, die für jüdische Auftraggeber überhaupt noch vor Gericht erscheinen durften. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme im Januar 1933 hatte Dr. Kurt Alexander versucht, die jüdische Gemeinde in vielen Punkten zu unterstützen. Er wickelte nicht nur die Formalien für emigrierende Jüdinnen und Juden ab, sondern gründete im November 1933 den Jüdischen Kulturbund für Krefeld. Ziel des Kulturbundes war es zunächst, entlassenen jüdischen Künstlerinnen und Künstlern eine neue Arbeit zu verschaffen. Am Krefelder Theater hatte es zuvor lediglich zwei jüdische Künstler gegeben, sodass die Aufgabe war, den Jüdinnen und Juden der Stadt in den schweren Zeiten einen Halt zu bieten. Die jüdischen Krefelderinnen und Krefelder waren zuvor stark am Kulturleben der Stadt, an dem sie nun nicht mehr teilnehmen durften, interessiert gewesen. Der Krefelder Kulturbund umfasste 300 Mitglieder und war somit ein wichtiger und finanziell gesicherter Teil des Kulturbundes Rhein-Ruhr.

Während der Novemberpogrome wurde Dr. Kurt Alexander verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Auf Vorschlag der Außendienststelle der Krefelder Gestapo wurde er Ende 1938 entlassen. Die Begründung war, dass seine Kanzlei arisiert worden war und er emigrieren wollte. Anscheinend wurde wert daraufgelegt, dass er als „prominenter Jude“ das Land verließ. Dr. Kurt Alexander emigrierte im März 1939 zunächst nach England, später dann in die USA. Hier setzte er sich für die Rechte geflohener Jüdinnen und Juden ein. Viele Krefelder Jüdinnen und Juden hielten Kontakt zu ihm. 

Dr. Kurt Isidor Hirschfelder
©Kinderheim Kastanienhof

Dr. Kurt Alexander gründete die United Restitution Organization (URO), die er von New York aus leitete. Hierbei handelt es sich um eine internationale privatrechtliche Organisation, die Rechtshilfe und Unterstützung bei der Antragsstellung für Rückerstattungen von konfiszierten- und arisiertem Eigentum und Kompensationsleistungen für erlittene Schäden anbot. Ein weiteres hoch geschätztes Mitglied der Krefelder Gesellschaft war der jüdische Kinderarzt Dr. Kurt Isidor Hirschfelder. Er hatte sich 1906 als erster Kinderarzt der Stadt in Krefeld niedergelassen und am Ostwall 148 seine Praxis eröffnet. Er stand von Anfang an im engen Kontakt mit dem jüdischen Krefelder Frauenverein. Ab 1908 bot Hirschfelder Mütterberatungen an. In Zusammenarbeit mit dem nichtjüdischen Krefelder Verein für Säuglingsfürsorge gelang es Hirschfelder 1914 in gemieteten Räumen des ehemaligen Handwerkerkrankenhauses auf der Petersstraße 71 ein Säuglingsheim zu etablieren. Dr. Isidor Hirschfelder war bis 1933 Chefarzt dieser Klinik. Ein Jahr später folgte eine Entbindungsstation. 1916 schenkten die Eheleute Ernst und Emma Kniffler dem Verein für Säuglingsfürsorge einen Teil des Krefelder Tiergartens an der Kaiserstraße als Grundstück für ein neues Säuglingsheim, nachdem Hirschfelder immer wieder auf die Unzulänglichkeiten des alten Krankenhauses hingewiesen hatte. Der verlorene Krieg und die folgende Hyperinflation machten jedoch einen Neubau unmöglich. 1919 publizierte Hirschfelder in der Zeitschrift für Säuglings- und Kleinkinderschutz über die offene und geschlossene Säuglingsfürsorge in Krefeld. 1928 wurde eine Schule für Säuglingspflegerinnen errichtet und 1930 erfolgte ein Teilneubau des schon bestehenden Säuglingsheimes. Hirschfelder persönlich führte in dieser Klinik auch operative Entbindungen und Operationen an Kindern durch. Seine eigene Praxis hatte ein Einzugsgebiet bis weit in den Niederrhein hinein. Er selbst erfreute sich innerhalb der Krefelder Bevölkerung einer großen Beliebtheit, noch heute erinnern sich einige jüdische und nichtjüdische Krefelderinnen und Krefelder an ihren alten Kinderarzt. 

Dr. Kurt Hirschfelder nahm sich vor seiner angekündigten Deportation am 29.10.1941 selbst das Leben. Zuvor war er, obwohl ihm die Praxisführung verboten worden war, wegen seiner Patienten in Krefeld geblieben. 

Im August 1998 wurde der Verein Dr. Hirschfelder durch den damaligen Oberbürgermeister Dieter Pützhofen und der jüdischen Gemeinde gegründet. Dieser Verein hatte und hat u.a. die Aufgabe ein jüdisches Gemeindezentrum in Krefeld zu errichten, die jüdische Kultur und Geschichte am Niederrhein zu fördern.

Hierzu übertrug der Rat der Stadt Krefeld im Juni 2003 das Grundstück an der Wiedstraße 17 an den Verein Stiftung Dr. Isidor Hirschfelder zur Erbauung eines jüdischen Gemeindezentrums. Das Grundstück mit Gebäude sollte nach Fertigstellung der jüdischen Gemeinde übertragen werden.

Stolpersteinverlegung Dr. Kurt Isidor Hirschfelder ©Sandra Franz

Auch heute erinnert in Krefeld vieles an den ehemaligen Kinderarzt der Stadt. An der Kinderklinik ist 1991, auf Initiative des damaligen Direktors Hermann Schulte-Wissermann, eine Gedenktafel angebracht worden. Es gibt die Hirschfelderstraße und den Dr.-Hirschfelder-Platz vor der Petersstraße 71-79. Auch das ehemalige Schullandheim der Stadt Krefeld war nach ihm benannt worden. Am Standort seiner ehemaligen Praxis am Ostwall 142 wurde im Oktober 2021, genau 80 Jahre nach seinem Selbstmord, ein Stolperstein verlegt.

Krefelder Gemeinde nach 1945

Glücklicherweise ist es im Nationalsozialismus nicht gelungen, jüdisches Leben in Europa vollständig zu vernichten. Unmittelbar nach Ende des Krieges fanden sich an verschiedenen Stellen Deutschlands Überlebende zusammen, die begannen, wieder ein Gemeindeleben aufzubauen. Der Neuanfang begann in Krefeld in einem Betraum. Der Einzugsbereich reichte bis Kleve. Die jüdischen Bürger:innen trafen sich in einem Privathaus an der Bismarckstraße 118. Zwischen 40 und 50 Menschen bestritten hier das Gemeindeleben. Bis 1980 wuchs die Gemeinde auf rund 130 Mitglieder. 

In den 1960er Jahren gab es 27 eigene Gemeinden am Niederrhein, die ab 1964 aus dem neuen jüdischen Gemeindezentrum an der Rheinstraße, Ecke Philadelphiastraße betreut wurden. 

In den letzten Jahrzehnten konnte das Jüdische Gemeindeleben in Krefeld mehr du mehr aufleben. Aus der Anmietung eines Betsaals an der Wiedstraße 17 in den 1970er Jahren und der Inbetriebnahme einer Synagoge und eines Betsaals in der ersten Etage des Hauses ab 1981. Ab 1990 wuchs die Gemeinde durch Zuzug von jüdischen Familien aus der ehemaligen Sowjetunion stetig an. Heute zählt Krefeld etwa 1.200 Gemeindemitglieder. 2008 wurde die neue Synagoge an der Wiedstraße in dem neu erbauten Gemeindezentrum eröffnet. Finanziert wurde das Bauvorhaben verstärkt durch Spenden. Hierzu wurde u.a. in der Stadtgesellschaft der Dr. Isidor Hirschfelder e.V. gegründet, der das Projekt stark unterstützte. 

Rav Yitzchak Mendel Wagner ist seit 2007 Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Krefeld. Als religiöse Autorität berät und entscheidet der Rabbiner in halachischen, das Religionsgesetz betreffenden, und in rituellen Fragen. Er berät und unterstützt Gemeindemitglieder in allen religiösen Belangen: bei der Hochzeit, einer Brit Mila, einer Bar- und Bat Mitzwa, bei einer Beerdigung oder Jahrzeit usw. Der Rabbiner und die Rabbinergattin (Jiddisch: Rebbetzin) erteilen regelmäßig Schiurim (Unterricht) zu verschiedenen religiösen Themen. Der Rabbiner organisiert das Krefelder „Bikkur Cholim Projekt“, eine Unterstützung jüdischer Menschen, die sich im Krankenhaus befinden. So können sich Gemeindemitglieder für ein seelsorgerisches Gespräch, einen Krankenbesuch zu Hause oder im Krankenhaus an den Gemeinderabbiner wenden.

Rabbiner Yitzchak Mendel Wagner mit seiner Frau und ihren drei Kindern
©Jüdische Gemeinde Krefeld

Das Gemeindezentrum verfügt über eine Mikwe zu ritueller Reinigung. Die Mikwe ist ein rituelles Tauchbad, welches von Grund- bzw. Regenwasser gespeist wird. Nach der jüdischen Tradition nehmen Frauen einmal monatlich, direkt vor der Hochzeit oder nach einer Entbindung in der Mikwe ein Tauchbad. Im Gemeindezentrum werden alle religiösen Feste gefeiert – Pessakh, Purim, Rosh HaSchana, Jom Kippur, Channukah – und natürlich vor allem der Shabbat, der wichtigste jüdische Feiertag, der jede Woche stattfindet: Freitag ab Sonnenuntergang bis Samstag Sonnenuntergang. 

Die Gemeinde bietet zudem ein buntes, abwechslungsreiches Kultur- und Freizeitangebot sowie eine Sportgruppe, einen Frauenverein, einen Jugendclub und einen Seniorenclub. Zur Website der Jüdischen Gemeinde Krefeld

Im Kulturzentrum „Habima“ (hebräisch für „Die Bühne“) finden seit Oktober 2011 musikalische und literarische Veranstaltungen wie auch Veranstaltungen zu politischen Themen mit nationalen und internationalen Künstlern verschiedener Genres und Referenten statt. Das Programmangebot ist nicht nur für Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Krefeld sondern auch für die Öffentlichkeit bestimmt.

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